Mit den Schnellzug auf dem Weg nach Süden, in die Guangdong (Kanton) Provinz. Südwestlich von Wuhan verlassen wir den Flusslauf und das Tal, welches der Yangtze in das Land gegraben hat.
Übrigens: Während wir im Westen zumeist vom Yangtse als Ganzes reden, ist lokal der Name dem unteren Teil des Flusslaufes von Nanjing vorbehalten. Im ganzen heißt der Fluss in China Chang Jiang, langer Fluss.
Über weitere Strecken waren Bergketten zu sehen, in verschobenen Formationen, wie Scherenschnitte hintereinander gelegt. Dörfer und Kleinstädte auf dem Weg, ein Wechsel des Anblicks nach Tagen in einer vertikalen Stadt mit 20, 30 oder mehr Stockwerken überall. Viel Wasser, viele Teiche, viel Grün.
Bei Tempo 300 ging es durch einige Tunnel. Die Berge sehen definitiv anders aus, als ich sie aus Europa kenne. Aus Australien sowieso. Ich habe von der Geologie dieser Gegend keine Ahnung, da möchte ich gern ein wenig lernen. Viel Wald, oft Aufforstung, Bäume im Spalier, scheint mir.
Ich war übrigens so exotisch in Wuhan, dass mich zweimal Teenager fragten, ob sie mich fotografieren dürften. Weit und breit kein einziger Mensch westlichen Ursprungs zu sehen.
Schließlich “Ling nan”, “südlich der Berge”. Es wird flach. Zunächst die Außenbezirke von Guangzhou, der Hauptstadt der Provinz. Es gibt wieder viel mehr Stadt, Hochhäuser, Strommasten, Fabriken etc. Kurz danach kommt unser Ziel, Zhongshan, und dort Familie, Qians Mutter, ihr Bruder, Schwägerin, Nichten und Neffen.
Von letzteren haben wir nicht viel gesehen: Teenager kurz vor den Abschlussexamen. Hier, wie Kids abends um halb zehn von der Schule abgeholt werden:
Zhongshan ist mit ca. 4,5 Millionen eine eher kleine Stadt im Perlflussdelta, eine Gegend, die in etwa die Einwohnerzahl von ganz Deutschland hat.. Sie wurde zu Ehren von Sun Yat-Sen, dem Gründer der Republik #China, die 1911/12 die Qing-Dynastie ablöste, benannt. Hier ist er unter dem adoptierten Namen Zhongshan bekannt. Er wurde in einem inzwischen eingemeindeten Dorf geboren.
Es gibt übrigens so ziemlich in jeder Stadt auch eine Zhongshan Road.
Zhongshan hat bedeutende Industrie, wie z.B. Möbelproduktion. Es gibt eine Straße mit etlichen Geschäften, oft teure Möbel ausstellend. Dort waren wir letztes Jahr. Dieses Jahr ging es nach Guzhen, die Stadt des Lichts. 60 Prozent der Beleuchtung Chinas wird hier produziert und etliches auch exportiert. Wir liefen durch ein 11stöckiges Gebäude, in dem etliche Hersteller ihre Produkte ausstellen, von Kronleuchtern in Räumen, die wie Dekorationen aus Versailles aussehen, für tausende Dollars oft von Kunden aus Pakistan oder Indien gekauft, bis hin zu minimalistischem modernen Design. Hier ein paar Eindrücke.
Qians Mutter und ihre Freundin Teacher Lee ruhten sich ein wenig aus, während wir durch das Gebäude streiften, dann ging es zu Essen im obersten Geschoss. Dort war es nach meinem Geschmack etwas zu laut, u.a. wurde dort eine Verlosung durchgeführt. Man möchte Kund:innen anlocken und die Lotterie tut das, nehmen zumindest die Betreiber an.
An einem anderen Tag gingen wir in das Museum von Zhongshan. Davor war der Dirty Pub, eine Musikvenue für jüngere Menschen, nehme ich an, nachdem ich die Poster gesehen hatte. Am späten Vormittag war natürlich nichts los, ich sah lediglich eine junge Motorradfahrerin, die dort halt machte.
Im Museum geht es um die Geschichte der Stadt, die früher Xiangshan hiess.. Vor langer Zeit war es eine Ansammlung von von Inseln, die über Jahrhunderte, seit der Ming-Dynastie, durch Landgewinnung zusammen wuchsen. Eine Art Niederlande in China.
Das Museum erlaubte Eindrücke vom Leben in der Stadt, die zunächst ein militärischer Standort war, von dem Leben am Wasser, vom Fischen, vom Reisanbau, von den einflussreichen Familienclans, die Hallen bauten um ihre Vorfahren zu ehren und mehr.
Außerdem zeigte es Funde aus der Vorgeschichte, bis in die Steinzeit zurück. Schon damals war diese Gegend besiedelt.
Hier noch ein paar Ausstellungsstücke, die mich an unser heutiges Zuhause erinnern, die Vorfahren unserer Möbel zuhause, Geld und einfach schöne Dinge aus der Vergangenheit.
Ein weiterer Ausflug mit Qians Familie brachte uns zu dem Haus, in dem einst Sun Yatsen lebte.
Darum herum wurde Leben in der damaligen Zeit illustriert.
Wie beendeten den Tag mit einer Tour nach Zhuhai, einer modernen Nachbarstadt. Wir gingen dort am Ufer spazieren.
Wir verbrachten auch zwei Tage in Shenzhen, ein ehemaliges Fischerdorf.
Ende der 70er gehörte es zu den ersten vier Sonderwirtschaftszonen, in der die Regierung unter Deng Ziaoping hoffte, moderne Industrie anzusiedeln. Neben Hongkong und Macao gelegen, wurde es zunächst die Werkbank des Westens, Elektronik produzierend, bis später hier sich die eigene Industrie entwickelte, mit innovativen Firmen wie Huawei z.B. Heute ist Shenzhen eine Stadt mit mehr als 10 Millionen Menschen. U.a. wohnt eine langjährige Freundin aus Kindheitstagen dort, die uns mit ihrem Partner begleitete.
Außerdem wohnen einige von Qians Mitstudent:innen dort. Wir aßen mit ihnen und spazierten am Wasser entlang, leckten Eis und.. nun, vom Erzählen habe ich naturgemäß nicht viel mitbekommen.
Was im Großen und Ganzen etwas problematisch ist. mit Qians Bruder habe ich ein wenig über Handyübersetzung “geredet”, es ist aber doch etwas beschwerlich. Wir waren auch bei ihm und seiner Familie zuhause, gingen Abends noch spazieren, waren ebenfalls bei seinem Sohn, der schon Familie hat – beide arbeiten in einer Schule, in der Kinder malen lernen können, und haben eine kleine Tochter.
Da ich hier nun nicht zum ersten Mal war, fühlte ich mich in Zhongshan schon etwas zuhause.
Hier ein paar weitere Eindrücke: Die Wohngegend um Qians Bruders und seiner Familie zuhause,ein Spaziergang am Teich und Essen, gekocht von seiner Frau,
eine typische Straße in Zhongshan, der Innenhof, wo Qians Neffe mit Familie lebt,
Frisches Seegetier in einem Restaurant,
Ausblick von unserem Hotel, eine neu eröffnete Gastsstätte, Mutter und Tochter im Gespräch, frische Krabben, Musik als Werbung, ein BMW (ja, den gibt es auch elektrisch, und, nebenbei, etwa die Hälfte aller Autos, die wir sahen, waren E-Autos, und die meisten Mopeds auch, Busse sowieso),
Parkausflug in Guzhen,
Longnan, Penjing (Bonsai auf chinesisch), interessantes Gestein und anderes im Park..
vieles davon war Qians Familie, vorallem ihrem Bruder, zu verdanken.
Schließlich aber war es Zeit, wieder in mein “richtiges Zuhause”, nach Melbourne, zurückzukehren. Auf Wiedersehen, China!